Ein Freund…

Ich weiss nichtmal, wie ich beginnen soll. Ironisch bei jemanden, der dafür bezahlt wird, dass er schreibt. Aber es gibt nunmal Sachen, die schnüren einem die Kehle zu. Und daher greife ich zu einem Klischee, das hier absolut stimmt: Er war ein guter Mensch. Für mich eine der größten Auszeichnungen, die ich einem verleihen kann.

Als ich 2007 die Region übernehmen sollte, da wusste ich nicht, wo ich anfangen soll. Kannte niemanden. Und keiner kannte mich. Und da kam ich auch in dieses Dörfchen, das bei Google Map wohl niemals aufgerufen wird. Bei einem Menschen, der, so war zu hören, gut zeichnen könne. Er konnte. Mehr noch, er war absolut brilliant. Doch was mich noch mehr faszinierte, das war diese Ruhe, die er ausstrahlte. Etwas väterliches. Er war Herr der Lage, ohne sie zu übernehmen, ohne sich aufzudrängen. Einfach präsent.

Werner Vierke vor seinen Bildern

Werner Vierke vor seinen Bildern

Und seine Hände waren die Hände eines Arbeiters. Der zupackt. Der sein ganzes Leben zupacken würde. So kamen wir ins Gespräch. Ich war gerettet, meine Geschichte im „Kasten“. Doch dabei blieb es nicht. Ich bin gerne einfach so vorbeigefahren, habe in seiner Küche gesessen und Kaffee getrunken. Und ihm zugehört, wenn er erzählt hat. Er hatte etwas zu erzählen. Von damals, als er mit anderen einfach zugepackt hatte. Wie sie Straßen gebaut haben ohne großes TamTam. Mitten durch den Ort. Geschichten, wie sie nur im „Osten“ und nur zu dieser Zeit möglich waren. Für ihn keine große Sache und doch funkelten seine Augen vergnügt, wenn er davon erzählte, bewegten sich die großen Hände kraftvoll durch die Luft dabei. Und dann seine Hobbys. Malen. Wahnsinnig tolle Bilder, die wie Fotos aussahen. Detailreich. Liebevoll. Bereits zu DDR-Zeiten hatte er mit motorisierten Modellflugzeugen angefangen. Wer diese paranoide Zeit mitbekommen hat, der weiss wie schwer das war. Vor allem in Grenznähe. Er hat es durchgezogen, obwohl er Ärger bekam.  Aber dem ist er niemals aus dem Weg gegangen. Und wenn er erzählte, wie er mit jungen Leuten Modellflugzeuge baute und sie fliegen ließ, dann funkelten seine Augen nicht mehr – sie strahlten. Er wollte immer den Pilotenschein machen, das war aber zu DDR-Zeiten undenkbar.  Also wählte er kurz entschlossen einen Weg, der ihn möglichst nahe an seinen Traum brachte.

Ich habe oft seine Meinung eingeholt. Immerhin kannte er vieles aus dem Ort. Und viele Hintergründe, die wichtig waren, um etwas zu verstehen. Er gab mir das Gefühl, willkommen zu sein. Doch besonders beeindruckte er mich, als ich einmal einen Fehler machte. Ich habe einen Sachverhalt an eine andere Stelle verfrachtet (zu kompliziert, um das kurz zu erläutern 😀 ). Einen Tag später sass ich in seiner Küche. Und er … er lachte. Lachte mich an, nicht aus. „Sie sind auch nur ein Mensch“, hat er gesagt. Kein Gemecker, kein Vorwurf – obwohl das mehr als berechtigt war. Ich war am Boden zerstört, zerknirscht. Und er schob mir eine Tasse Kaffee hin und nickte nur. Für einen Anfänger, der kaum Land sieht, ist das mehr wert als alle Schulungen oder Vorschriften.

Ohne ihn hätte ich diese Region nicht so kennen (und lieben) gelernt. Und nicht soviel Mut gewonnen, wie ich es getan habe.

Werner Vierke ist tot. Eine Woche zuvor dachte ich noch daran, vorbeizufahren, Hallo zu sagen. Ich hoffe, nein ich weiss, dass er jetzt glücklich ist. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass er endlich seinen langjährigen Traum wahrmachen kann: Zu fliegen. Fliege hoch Werner Vierke! Fliege hoch…

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