Für immer wird es Forever Autumn sein.

Es ist Sommer 1993 und ich sitze im weißen Peugeot 205, den meine Eltern sich zugelegt hatten. Die Mauer ist weg, die Arbeitsstellen wanken, aber irgendwie ist alles möglich – “anything goes” wie ich die Zeit von 1989 bis 2000 später erklären würde.

Doch nicht der 205er meines Vaters interessiert mich, sondern das Autoradio. Genauer das Tape (wir sagten Musikkassette dazu), die darin lag. Sie wurde mein damals größter Schatz: Es war die Synthesizer Greatest, Vol. 5.

Die Synthesizer Greatest gab es in fünf Ausgaben, irgendwie hatte ich an unserem familiären Urlaubsort die fünfte Ausgabe als Musikkassette (CD Spieler hatten wir da noch nicht) ergattert.  Als 14-Jähriger war das Cover interessanter, als was da wirklich drin war.

Weltraum! Planeten! Das zog immer bei Jungs. Dann natürlich meinen Vater genervt, dass ich mir auch anhöre, was ich da so ergattert habe. Und die Überraschung: Es ist irgendwie … anders.

Schwer, das heute in Worte zu fassen. Noch schwerer bestimmt, es zu verstehen. Denn mit dem heutigen Wissen, den heutigen Ansichten lässt sich über die Begeisterung aus der “Vergangenheit” meist nur mit einem Lächeln oder mit Verwunderung beurteilen. Es ist die Zeit, als mir noch David Haselhoff mit aufgerissenem Hemd, aufgerissenen Augen auf MCs entgegenblickt, indem Sandra noch manchmal Hiroshima im Radio singen darf, kurz es ist die Zeit der abklingenden 1980er Musikjahre. Die Ära entschwindet langsam, eine ganze Branche sucht nach neuen Rhythmen und Kassenknüllern und begreift erst langsam, dass die manchmal sogar polizeilich verfolgten Anhänger der Elektronischen Musikszene den Grundstein für etwas vollkommen Neues legen würden.

Es ist 1993 und ich bin enttäuscht. Für einige Sekunden. Danach interessiert. Und als die ersten zehn Sekunden um waren, war ich total gebannt. Forever Autumn – ich brauche den Song nicht zu hören um ihn im Kopf zu haben. Ich habe ihn ehrlicherweise seit ca 1995 nicht mehr “richtig” gehört. Aber ihn nie vergessen. Oder verdrängt. Und als ich ihn nun auf Youtube mal wieder anklickte, da war es wieder da, dieses Gefühl. Ich saß im weißen Peugeut 205 und lauschte dem Band, welches sich leise klopfend abspielte, dem Rauschen aus den Lautsprechern und war der glücklichste Junge der Welt.

Diese elektronische Musik, die damals schlichtweg Synthesizer genannt wurde, war genau das, was ich gesucht hatte. Ohne es zu wissen … ohne einen Namen dafür zu haben – aber nun hatte ich es gefunden. Natürlich wurden die Tracks bald raffinierter, die Videos bescheuerter und recht bald die CD-Anlage angeschafft. Ehrensache, dass ich sofort auf die Suche nach Synthesizer Greatest ging – was für ein tolles Gefühl, wenn man wieder eine Folge davon aufgegabelt hatte. Hey, wir reden hier von der Zeit ohne Amazon, ohne eBay – ja ohne Internet. Es war mühsam, überhaupt irgendeine Information über diese Musikform zu finden. Und fast unmöglich, mehr “Zeugs” davon zu kriegen. Man suchte also. Man wartete. Und man freute sich anders, ehrlicher als heute über seine “Beute”. Und schätzte die Musik – hörte sie stundenlang, bis es nicht mehr ging (oder die CD-Anlage wieder an  die Eltern übergeben werden musste).

Schon relativ bald wummerten überall elektronische Klänge aus den Boxen, dancten wir in dunklen Discotheken und schauten Videos von Blümchen, Scooter oder Dr. Alban. Und schon bald war “Techno” in aller Munde. Und wandelte sich… wie jede Musikrichtung sich wandelt.

Ich habe alle CDs heute als MP3 – bis auf eine. Die Synthesizer Greatest Vol 5. Und die Kassette, zerfleddert und abgenutzt, liegt daneben. Nicht, das ich mir die Tracks darauf anhöre. Das muss ich gar nicht – in meinem Kopf habe ich sie alle noch, kann sie jederzeit “abrufen”. Vor allem aber einen … Forever Autumn.

Jeffrey Wayne–Forever Autumn

 

Und wer tolerant ist und wissen will, was damals noch so “abging”, dem empfehle ich Visitor von KOTO. Oder Japanese Wargames vom selben Trio. Bei Visitors finde ich die Benutzung von klassischen Streichinstrumenten in Verbindung mit elektronischen Geräten sehr genial

Alle KOTO-Tracks gibt es auf der Synthesizer Dance von zyx-Musik, die mich 1994 in Richtung des “härteren” elektronischen Sounds brachte … aber das ist eine andere Geschichte

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