Meisners Verteidigung machts nur noch schlimmer

Kardinal Joachim Meisner hat ja mit seiner Aussage, dass Frauen doch zu Hause bleiben und drei, vier Kinder kriegen sollten, für Wirbel gesorgt. Zu Unrecht, wie Hildegard Stausberg von der Zeitung Die Welt findet. Mit ihrer Verteidigung offenbart sie genau das antiquierte Weltbild, welches bei Meisner kritisiert wird.

In der Ausgabe vom 27. Mai 2013 zählt Hildegard Stausberg auf, welche Meinung Kardinal Meisner geäußert hat. Und dass diese verkürzt und falsch erkannt worden sei. Die Aufzählung endet bei jedem Abschnitt mir ihrer Einschätzung. Und die hat mich wirklich vom Stuhl fallen lassen.

Sie beginnt mit:

So zum Beispiel seine Definition der Lage: „Wir leben heute in einer Gotteskrise, in einer Glaubenskrise, in einer Kirchenkrise.“ Korrekt. “ Es sei bei vielen Medien nicht erwähnt worden, was er als Lösung anzubieten habe. Und was ist das? Nun, Frau Stausberg erwähnt auch das (nicht ohne, da nochmal ein Korrekt anzuhängen):

„Macht euch endlich an die Neuevangelisierung der Welt, geht zu den Menschen und dreht euch nicht dauernd im Kreis.“ Korrekt.

Das ist für mich schon harter Tobak. “Wir leben heute in einer Gotteskrise”. Ja, das mag sein. WIR? Also ich nicht. Nein, das tue ich nicht Frau Stausberg, Herr Meisner. Ich lebe in keine Gotteskrise, Glaubenskrise oder Kirchenkrise. Und ich habe in meinem Bekanntenkreis niemanden gehört, dem es so ergeht. Also WIR können schon mal nicht gemeint sein. Vielleicht sind ja “wir Christen” gemeint. Wenn Frau Stausberg schon soviel Wert auf Korrektheit legt, dann bitteschön auch dabei! Also muss ich bereits diese erste herausgepickte Aussage korrigieren: “Wir Christen leben in einer Gotteskrise (…) Kirchenkrise”. Hmm, tja, warum wohl?

Na, das wird nicht konkretisiert in dieser Verteidigungsschrift von Frau Stausberg, also weiter:

“Macht euch endlich an die Neuevangelisierung der Welt…” Das Frau Stausberg hier mit Korrekt antwortet, macht es für mich fast unmöglich diese Frau als Journalistin ernst zu nehmen. Korrekt? Wikipedia gibt ja einen schönen Einblick in die Begrifflichkeit der Neuevangelisierung. Und dennoch, es hat nicht nur den Anschein von Missionarischem Eifer. Meisner fordert mal eben, sich “endlich” an die Neuvangelisierung der Welt zu machen … als böser, gottloser Ungläubiger überkommt mich eine andere Assoziation (Die Welt hatte doch tatsächlich einmal getitelt: “Papst wendet sich Christen und an Ungläubige” und vielleicht auch auch durch meinen Facebook-Hinweis stillschweigend in “Christen und Nicht-Christen” geändert).

Wenn ein Kardinal fordert, dass seine Glaubensrichtung “in die Welt” hinausgetragen werden müsse, ist das sein Recht und auch sein Job. Als Journalistin mit Begeisterung ein Korrekt zu rufen dagegen schmeckt doch recht schal.

Sie schreibt weiter: “Über was aber hat man sich aufgeregt, über was endlos debattiert?” Und erwähnt dann den fraglichen Absatz mit den Frauen, die gefälligst zu Hause bleiben mögen.

Und es wird zitiert: „den hohen Wert der Familie mit Mutter und Vater für die Kinder bewusst machen“. Korrekt, aber nicht Mainstream. Und schon gar nicht sein Satz: „Wo werden Frauen wirklich öffentlich ermutigt, zu Hause zu bleiben und drei, vier Kinder auf die Welt zu bringen?“ Auch korrekt und, weiß Gott, nicht Mainstream.

An der Stelle möchte ich mit dem Finger schnipsen und aufgeregt rufen: Ich weis es! In der ultrakonservativen Kirche, da werden Frauen “ermutigt” zu Hause zu bleiben und mal eben Kinder in die Welt zu setzen. Auch wenn es ihr Leben kostet, sie elendig verrecken und es überhaupt keinen ethisch vertretbaren Grund gibt, warum sie ein Kind gebären müssen. Korrekt?

Frau Hildegard Stausberg übergeht großzügig diese Nicklichkeiten von den Ungläubigen, die ja von UNS Neuevangelisiert werden müssen (sorry, aber manchmal möchte man einfach nur noch kotzen).

Stattdessen ein weiteres Highlight aus der Meisnerschen Zitatensammlung: „Hier müsste man einsetzen und nicht – wie es jetzt Frau Merkel tut – nur die Zuwanderung als Lösung unserer Demografieprobleme präsentieren.“ Auch korrekt, aber was für ein Frontalangriff auf die – parteiübergreifend – ausgebrüteten Scheinlösungen. Ja, Herr Kardinal Meisner hat da einen mutigen, einen wichtigen, einen ehrlichen Frontalangriff auf parteiübergreifende Scheinlösungen gestartet.“

Scheinbar ein mutiger Mann also. Der mit einem “Glaubensfest” mal eben die Wunden der Missbrauchsopfer heilen will. Schwuppsdiwupps. Von rechtlicher Aufarbeitung, von Anklagen, von Gerichtsverfahren gegen Täter in Kirchenkreisen liest man jetzt nicht so viel bei Herrn Meisner. Na, bestimmt Korrekt. Dafür lieber der mutige “Frontalangriff” gegen Scheinlösungen der anderen. Was die Kirche so an Scheinlösungen abzieht, na als Ungläubiger kann man das wohl nicht richtig einordnen. Frau Stausberg reicht das aber noch nicht.

Und dieser Absatz, den werde ich jetzt mal komplett hier abbilden müssen, damit ich auch ja keinen Fehler mache. Ist ja schließlich ein Meisterstück:

Weil man Produktionskräfte brauchte, wurde die Kinderkippe erfunden.“ Korrekt. Dass das der DDR langfristig wirtschaftlich nichts brachte, lag vor allem an der Ineffizienz des kommunistischen Modells. Ausgeblendet wird außerdem meist, dass wissenschaftliche Studien zeigen, dass zu frühe Krippenbetreuung Gefahren birgt für die soziale Kompetenz der Kinder, ihr Sucht- und Aggressionsverhalten beeinflusst und eine spätere Neigung zu Depression und Delinquenz fördert. Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn Meisner das auch noch erwähnt hätte.

Liebe Frau Stausberg, sie sind nicht in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Das behaupte ich jetzt einfach mal. Ich bin es. Und als Sucht- und Aggressionstäter, der Depressionen hat und als Delinquent gefürchtet ist, möchte ich nur eines fragen: Haben Sie Kinder? Ich hoffe, dass diese Kinder eine humanistische, weltoffene und tolerante Erziehung genießen. Und das wird wohl nicht bei Ihnen sein. Verzeihung, aber anders kann ich das nicht ausdrücken.

Was erlauben Sie sich? “Wissenschaftlich erwiesen” – eine Formulierung, das Equivalent der in der Regenbogenpresse benutzten Aussage “ein Freund der Familie” zu benutzen, um finsterste Vorurteile aus der dunkelsten Mottenkiste hervorzuholen und in einer Tageszeitung zu verbreiten. Das böse böse DDR-Modell wurde von den skandinavischen Ländern aufgegriffen und, jetzt halten Sie sich gut Fest Frau Stausberg, Herr Meisner, als nachahmenswert wieder in zahlreichen Bundesländern eingeführt. Nur eben als Skandinavisches Modell, wäre ja noch schöner der “Osten” hätte was richtig gemacht (und nein, ich möchte hier keine Ost-West-Diskussion weiterführen, die ja scheinbar für Frau Stausberg und andere immer noch nicht vorbei scheint).

Der Satz “dass zu frühe Krippenbetreuung Gefahren birgt” ist ein Meisterstück der Vorurteile, der Ignoranz und eines Weltbildes, das mir Angst macht. Es geht einher mit einem politischen Geschehen, welches Eltern Geld zahlt, wenn sie ihre Kinder zu Hause lassen um ja keine soziale Kompetenz zu erringen. Um ja nicht in Kontakt mit anderen Kindern zu bekommen. Eines Weltbildes, in dem das ich-bezogene immer stärker wird. Eines Weltbildes, das eigentlich überwunden sein müsste.

Diese Verteidigungsschrift zu Kardinal Meisner offenbart soviel Angst vor einer Welt, die auch aus Nicht-Christen bestehen könnte, sie offenbart soviel Starrköpfigkeit vor der Rolle der Frau, dass es mich sprachlos macht. Es ist OK, wenn eine Frau zu Hause bleibt und sich um die Kindererziehung kümmert. Aber, Frau Stausberg, es ist und es bleibt auch weiterhin OK, wenn eine Frau sagt: “Ich bin nicht das Heimchen am Herd sondern gehe ins Berufsleben”. Eine Menge meiner Freundinnen tut das und es ist für niemanden ein Problem. Für Herrn Meisner scheinbar schon. Schön, dass er in ihnen eine Anhängerin seines Glaubens gefunden hat.

Aber bitte, lassen sie beide uns Ungläubige ins 21. Jahrhundert gehen, während sie es sich im Mittelalter bequem machen. Danke!

Hier ist der gesamte Kommentar von Frau Stausberg zu finden.

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