Ein iPad-Halter macht noch keinen Journalismus

Ich bin stolzer Besitzer der GameStar Ausgabe Nr. 11 / 1997. Das ist nicht die erste Ausgabe, aber immerhin die zweite jemals erschienene Ausgabe der Zeitschrift. Und was für ein Wind dort wehte, in diesem dicken Wälzer! Neben viel Weißraum und einem klaren Layout war es vor allem dieser stark spürbare Wunsch nach Seriosität. Nicht dem trockenen, angestaubtem “Wir-sind-Profis” Duktus, sondern eher diese Art von “Hey, der kennt sich aus”, die man oftmals im Freundeskreis hat. Vielleicht trifft es mich deshalb immer wieder, wenn ich deutlich gezeigt bekomme, wie fern dieser Anspruch heute ist.

Auf Twitter kursierte vor einiger Zeit das Bild eines Microsoft Surface, welches als Ständer für ein iPad diente. Unfassbar aufregend, nicht wahr? Naja, es ist schon ärgerlich für MS. Immerhin zahlen sie echt Kohle, um ihr Windows 8.x möglichst in jede Kamera zu kriegen, die es gibt. Und es ist sicherlich ärgerlich für diese Firma, wenn die teuren Werbebudgets solche Ergebnisse produzieren. Wenn aber die GameStar aus dieser Nicht-Meldung eine Meldung produziert, die dann auch noch möglichst aufgebläht wird, dann ist das schon schmerzhaft.

Welchen Informationsgewinn gibt es für den Nutzer? Außer den Schadenfreude-Faktor bei den MS-Hassern und die Verwunderung bei allen Anderen. Moment, grübel … ähh exakt. Mein Chefredakteur hätte gefragt, ob denn wenigstens mal das Werbebudget von MS erfragt wurde (gibt es sicher genug Quellen zu), oder ob es irgendwelche Reaktionen gab. Oder er hätte seinen roten Stift genommen, oben links auf dem Ausdruck angesetzt und bis nach unten rechts eine Linie gezogen. Und dann nochmal oben rechts nach unten links. Exitus.

Ok, die werden bei der GS-Online kaum mit Ausdrucken arbeiten (oder eher selten). Aber dann gibt es sicher den Löschbutton im CMS. Warum den keiner gedrückt hat? Sicher, es ist keine totale Gurken-News, es ist schlicht eine Nicht-Nachricht. Und wenn man dann noch weis, dass der Name Georg Wieselsberger bereits ein Synonym für Nicht-News sind, hmm ich weiss nicht. “Ein echter Wieselsberger” posten Nutzer. Und auch wenn ja Gemeinheiten heute zum Ton gehören (nein, ich schreibe nicht “guten Ton”, denn das ist kein guter Ton und wird NIE einer sein!) so sollte man sich dennoch Gedanken machen. Integrität ist etwas, das man nicht kaufen kann und das den Journalismus erst möglich macht. Übrigens: der Bildnachweis “Bildquelle Twitter” ist ja wohl ein schlechter Scherz, hm? Aber na gut, in einer Zeit, in der “die Netzgemeinde” (man spreche das DIE möglichst laut und hart aus) ja zitiert wird, warum auch nicht? Steht beim nächsten Stau auf der Autobahn auch: “DIE deutschen Autofahrer stauen sich auf der A2”?

Zurück zum Online-Text: Wenn schon nicht Georg Wieselsberger selber erkennt, dass das Abschreiben eines launigen Twiter-Tweets kein Journalismus ist (und schon gar keine Nachricht), dann hätte es einem anderen Redakteur auffallen sollen. Und so schaue ich traurig auf meine Ausgabe 11 / 97 und den Anspruch, der dort noch versprochen wurde. Es war eine schöne Zeit… gewesen.

Advertisements
Getaggt mit ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s